Am Tag nach der Bekanntgabe des Aufsichtsrates, dass die Verträge der beiden Vorstände Hoffmann und Kraus nicht verlängert werden, schreibt ein Leser im Diskussionsforum der Hamburger Morgenpost:
„Wenn man sich von seiner Frau scheiden lassen kann, dann kann man sich auch von seinem Fußballverein trennen. Ich mache das jetzt“.
Obwohl ich natürlich nicht weiß, ob er sich jetzt von seiner Frau oder dem HSV, vielleicht in einem Abwasch sogar von beiden getrennt hat, hätte ich über diesen originellen Kommentar gut lachen können – wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht so traurig gewesen wäre.
Am Montagmorgen fühlte ich mich so, wie der Mopo Leser – und wie zigtausende HSV Fans in der gesamten Republik und darüberhinaus:
Leer und matt.
Man wusste, wie es um den Vorstand bestellt ist, man wusste, wie die Mehrheiten im Aufsichtsrat sind. Aber niemand den ich kenne, hat damit gerechnet, dass die am Sonntag letztendlich doch verkündete Entscheidung tatsächlich getroffen wird.
Hätte der Aufsichtsrat wenigstens Meister Proper im Ärmel gehabt, den man per sofort an die Stelle von Bernd Hoffmann hätte setzen können.
Hätte der Aufsichtsrat wenigstens ein Konzept vorgelegt, das Auskunft darüber gibt, wie es von jetzt bis Dezember 2011 und dann von Anfang Januar 2012 weitergeht.
Hätte der Aufsichtsrat wenigstens einen einzigen stichhaltigen Grund genannt, der diese Maßnahme rechtfertigt.
Nichts. Leere. Die reine Zerstörung. Kein Aufbau, keine Perspektive, kein Plan. Ich bin so erschüttert, dass mir die Worte fehlen um zu beschreiben, wie armselig und traurig diese Veranstaltung um unseren HSV ist.
Man hofft darauf (sic!), dass Hoffmann und Kraus bis zum Jahresende weitermachen und ihre Verträge erfüllen. Vielleicht hat der Aufsichtsrat Glück, und Herr Hoffmann tut dem HSV diesen Gefallen – aber für jedes Unternehmen, für jeden Sportverein ist das im Grunde ein unhaltbarer Zustand. Ein CEO, der kein Vertrauen im höchsten Gremium des Vereins besitzt soll einen neuen Trainer einstellen, soll Finanzmittel für die Zukunft des Vereins akquirieren, soll Verhandlungen mit Vereinsfunktionären und Spielerberatern über Spieler führen, die für unseren HSV in der Saison 2011/12 auflaufen sollen.

Er soll also an der Zukunft eines Clubs mitwirken, die er selber nicht mehr in leitender Funktion wird erleben dürfen.
Wem soll man das zumuten? Das ist alles mehr als lachhaft, das ist an Erbärmlichkeit nicht mehr zu überbieten. Sowas habe ich noch nie gehört!
Heute nun lese ich im Abendblatt ein Interview mit dem Aufsichtsratsmitglied Jürgen Hunke. Dort berichtet er, dass es ihm ein Anliegen gewesen ist, den Verein zu einen.
„Und ich lege Wert darauf, dass ich in meiner Rede (Wahlkampfrede zum Aufsichtsrat, Anm. GH) gesagt habe, dass es für mich wichtig ist, dass sich der Verein neu aufstellt und ich weder für noch gegen Hoffmann kandidiere. Wir müssen es gemeinsam schaffen, die unterschiedlichen Gruppen auf ein gemeinsames Ziel des HSV festzulegen. Nur daraus wächst irgendwann auch sportlicher und finanzieller Erfolg.“
Gratulation Herr Hunke, dass ist dem Aufsichtsrat ja prima gelungen. Und mit Verlaub, ich kann Ihnen Ihre wohlfeil formulierte Aussage nicht abnehmen.
Die Fakten lagen auf dem Tisch. Jeder wusste, dass die Entscheidung, die der Aufsichtsrat am Sonntag gefällt hat, zu dem Ergebnis führen wird, dass wir jetzt haben. Eine Führungslosigkeit auf allen Ebenen des HSV.
Und damit zu einer totalen Spaltung des Vereins.
Aber Jürgen Hunke kann man keinen Vorwurf machen, er hat am Sonntag umgesetzt, was er auch vorher schon angekündigt hatte. Zwar behauptet er, dass er weder für noch gegen Bernd Hoffmann kandidiert hat, aber jedes Kind in Hamburg wusste, wie die Entscheidung ausfallen wird.
Wenn man das Interview liest, in dem Jürgen Hunke erklärt, er kenne den von einem Headhunter kontaktierten Björn Gulden zwar nicht, hätte ihn aber gewählt, glaubt man das Märchen vom Traditionalisten wohl kaum noch.
„Erinnern Sie sich bitte an die Kritik, die ich geäußert habe. Ich bin Traditionalist, Fußball besteht für mich aus Leidenschaft, aus Begeisterung, Charakter.“
Wenn man die gesamte aktuelle Situation um unseren Verein betrachtet, die in den letzten drei Tagen entstanden ist, muss man unweigerlich an Edmund Stoiber denken, der im Wahlkampf 2005 an die Adresse der Linkspartei-Wähler folgendes sagte:
„Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“
Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die nennt sich „Hoffmann raus. Sofort!“ In dieser Gruppe gibt es respektable 876 Mitglieder. Am Montag war in dieser Gruppe nicht ein einziger Kommentar zur Aufsichtsratsentscheidung zu finden. Aktuell, da ich das hier schreibe, Mittwochnachmittag, sind es 5 Kommentare. 5 Kommentare von 876 „Hoffmann raus. Sofort!“ Mitgliedern.
Man bekommt den Eindruck, als wolle es am Ende keiner gewesen sein.
Das ist nur allzu verständlich – denn ich befürchte, dass viele von denen, die den Aufsichtsrat am 09. Januar neu zusammengesetzt haben, die Konsequenzen ihres Tuns nicht wirklich überschaut haben.
Und wenn man sich die Kommentare der Hoffmann Gegner in den verschiedenen Foren auch heute ansieht, dann bekommt man den Eindruck, dass die Strukturen des Vereins, die Zuständigkeiten und damit auch die Konsequenzen verschiedener Handlungsoptionen nicht bekannt sind.
Aber was soll man machen, wenn sich Herr Ertel vor die versammelte HSV-Mitgliederschar stellt und in seiner Wahlkampfrede den alten Aufsichtsrat erst in Bausch und Bogen verdammt und dann folgendes sagt:
„Die Debatte um den Investor Kühne. Das ist für mich nach wie vor der Einstieg in den Ausverkauf unseres HSV. Natürlich brauchen wir Geld für den sportlichen Erfolg, und natürlich müssen wir auch neue Finanzquellen erschließen. Aber bitteschön nicht um jeden Preis. Z.B. um den Preis, dass wir unsere Mitbestimmung verkaufen, die Mitbestimmung der Mitglieder oder dass wir unser Tafelsilber verscherbeln, indem wir Anteile an unseren Spielern verpfänden. Damit verschenken wir heute Teile möglicher Transfererlöse und womöglich auch sportliche Erfolge von morgen“.
Herr Ertel hat den Deal mit Herrn Kühne entweder nicht verstanden oder er verschweigt den Mitgliedern bewusst die andere Seite der Medaille – nämlich dass Herr Kühne ein erhebliches Risiko geht, dass die Spieler, an deren zukünftiger Ablöse er zu 33% beteiligt ist, im Wert sinken – oder andersherum, dass dieses Risiko nicht mehr beim HSV liegt.
Ein Geschenk ist dieser Deal also mitnichten.
Und er verschweigt, dass Herr Kühne keinerlei Mitspracherecht beim Transfer einzelner Spieler erhalten hat. Das konnte jeder begutachten, als Dennis Aogo, einer der „verpfändeten“ Spieler seinen Vertrag im Januar bis 2015 verlängert hat.
Und vollkommen unerklärlich ist die Aussage, das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder würde verkauft werden.
Welches Mitbestimmungsrecht der Mitglieder meint Herr Ertel? Das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder am Transfer einzelner Spieler?
Mit derartigen Aussagen schaffe ich mir Stimmvieh.
Wer nicht kritisch hinterfragt, dafür aber in Zukunft lieber wieder im Volksparkstadion Fußball guckt und seinen Eintrittspreis für dieses Erlebnis gerne wieder in D-Mark entrichten möchte, hat keine andere Wahl – Herr Ertel muss in den Aufsichtsrat.
Weiter geht´s:
„Wenn wir Geld brauchen, sollten wir beispielsweise die Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Dann dürfen wir den Vertrag mit Sportfive auf keinen Fall verlängern. Der Vertrag mag damals, in der damaligen Zeit richtig gewesen sein, um aus der Finanzkrise des Vereins herauszukommen um unser tolles Stadion zu bauen. Heute ist er nicht mehr zeitgemäß, aber heute zahlen wir Jahr für Jahr 13 Mio Euro an Sportfive, Geld, dass wir dringend selbst gebrauchen können.“
Ich freue mich darauf Herr Ertel, dass Sie die Vermarktung in Zukunft ehrenamtlich selbst in die Hand nehmen werden. Auf diese Idee könnte man ja kommen, wenn man sich das anhört. 13 Mio Euro!
Was Herr Ertel verschweigt ist, dass der Deal mit Sportfive neu ausgehandelt werden muss, denn der Vertrag endet erst 2015. Und Herr Ertel bleibt ferner die Antwort schuldig, was es denn kostet, wenn der HSV die Vermarktung in Zukunft in eigener Regie übernimmt und ob die Einnahmen dadurch mindestens gehalten, vielleicht sogar gesteigert werden können.
Und ebenfalls bleibt er die Antwort schuldig, wo denn die Erfahrung in diesem Geschäftsfeld eingekauft werden soll, die es überhaupt erst möglich macht, derartig erfolgreich weiterzuarbeiten. Für Sportfive arbeiten, nur für den HSV, 10 Mitarbeiter – hinzu kommen 80 Vertriebsmitarbeiter bundesweit, von deren Tätigkeit der HSV natürlich ebenfalls profitiert.
Das heißt: nimmt der HSV diese Angelegenheit selbst in die Hand, würde er mitnichten 13 Mio Euro einfach so sparen. Denn Vermarktung bringt nicht nur Geld, sie kostet auch erst mal – wenn man vom Risiko mal absieht.
Um das zu verstehen, muss man nicht BWL studiert haben. Gesunder Menschenverstand reicht.
Aber von dieser Aussage fühlen sich sicherlich die angesprochen, denen die Champagner- und Kaviar-Hugos in den Logen sowieso ein Dorn im Auge sind und die es gerne sähen, wenn Bratwurst Benno seinen Stand mit angekokelten Thüringer Würsten irgendwo um das Stadion herum platziert – so wie damals, als man noch bei Papa an der Hand in die Betonschüssel namens Volksparkstadion gegangen ist und Thomas von Heesen zugejubelt hat.
Es ist mir kein Anliegen, mich auf Herrn Ertel einzuschießen. Wahrlich nicht, denn ich nehme ihm, im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Aufsichtsrates durchaus ab, dass es ihm in aller erster Linie um den HSV geht.
Und er spricht in seiner Wahlkampfrede durchaus einige kritische Dinge an, die auch ich für wahr und verbesserungswürdig halte.
Fakt ist, dass Herr Ertel durch seine Argumentation in den Aufsichtsrat gewählt wurde.
Bei der Abstimmung waren ca. 2.500 Mitglieder des HSV zugegen.
2.500 von vielleicht 60.000 wahlberechtigten Mitgliedern. Das entspricht etwa 4%.
Da jedes Mitglied 4 Stimmen hatte, repräsentieren die vier neuen Aufsichtsräte, sollten sie 100% der Stimmen erhalten haben, 4% der wahlberechtigten Mitgliedschaft des HSV.
Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die vier Räte eher um die 2-3% des potenziellen Wahlvolkes auf sich vereinigen.
Das nennt sich dann Demokratie.
Man hat es kommen sehen – man hat kommen sehen, dass unser Verein eines Tages von einem Aufsichtsrat regiert wird, der es nicht kann.
Er kann es nicht, weil die Interessen in diesem Aufsichtsrat nicht gleichgerichtet sind.
Weil die restlichen 95% Mitglieder, die gerne zum HSV gehen, die sich gerne Fußball angucken, die sich aber ansonsten um ihren Beruf und um ihre Familien kümmern und mit Anne Will schon genug Politik im Wohnzimmer haben, eben nicht wissen, dass eine Abstimmung zum Aufsichtsrat des HSV eine erhebliche Bedeutung auf den Fußballverein des Herzens hat – und somit der Wahl fern bleiben.
Leute, die sich darüber freuen, dass es einen Familienblock gibt – und denen es egal ist, dass ein Eisproduzent dafür Namenspate ist.
Leute, die sich darüber freuen, wenn sie mal in die Logen eingeladen werden und sich dort den Bauch vollschlagen dürfen – unabhängig davon, wer für diese Loge viel Geld bezahlt hat.
Und Leute, die sich eine Dauerkarte für 500,- Euro kaufen um sich an der Stimmung auf den billigen Plätzen in der Nordkurve zu erfreuen.
Und jetzt haben wir das Desaster. Ein Chaos um den Club, der mindestens als existenzbedrohend wahrgenommen wird.
Und es geht nun, und das sei klar und deutlich formuliert, nicht um Bernd Hoffmann. Es wäre wünschenswert gewesen, seinen Vertrag um mindestens ein Jahr zu verlängern. Jedenfalls sehe ich das so – und mit mir mittlerweile auch viele andere, denen Herr Hoffmann in der Vergangenheit maximal egal gewesen ist.
Meine Meinung dazu habe ich hier und hier geschrieben.
Aber Bernd Hoffmann ist nur der Vorstandsvorsitzende des HSV. Es ist legitim, einen neuen Vorstandsvorsitzenden zu wollen, es ist legitim, harte Kritik an ihn zu richten und es ist legitim, seine Abwahl zum Programm zu machen.
Aber es ist nicht legitim, Herrn Hoffmann vor die Tür zu setzen und keinen adäquaten Ersatz zu präsentieren.
Und es ist nicht legitim, eine Anhängerschaft, die vollkommen vereins-unpolitisch war in einer derartigen Weise zu spalten.
Es ist nicht legitim, die finanzielle Zukunft unseres Vereins mit derart dilettantischen Maßnahmen aufs Spiel zu setzen.
Wer bucht in der kommenden Saison noch Logen und Business Seats?
Wer hat aktuell im Verein das Verhandlungsgeschick, Ablösesummen je nach Bedarf nach oben oder nach unten zu verhandeln um eine Mannschaft für die kommende Saison zusammenzustellen, die finanziell tragfähig ist?
Welches Unternehmen, das sich vielleicht überlegt, Werbepartner des HSV zu werden, verfolgt dieses Ziel momentan mit Priorität?
Nichts von alledem haben Sie bedacht, lieber Aufsichtsrat, als Sie am Sonntag Bernd Hoffmann rausgeworfen haben.
Das nennt man vereinsschädigendes Verhalten – und zwar von einer Gruppe von Leuten, die mit scheinbar demokratischer Legitimation die Geschicke eines Vereins lenken, dem Hunderttausende oder Millionen im Herzen verbunden sind.
Daher bleibt nun nurmehr übrig, die Mitglieder des Hamburger Sportvereins e.V. aufzurufen, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen um den Aufsichtsrat neu zu bestimmen und darüber zu sprechen, welche Strukturen der HSV in Zukunft braucht, um national wie international eine schlagkräftige Profimannschaft auf den Rasen zu bekommen.
Und zwar demokratisch – und das heißt, dass Demokraten auch bestimmen dürfen, dass die Demokratie in einigen Bereichen des Lebens höchst suboptimal ist.
Eine andere Möglichkeit wäre, und die würde ich bevorzugen, der geschlossene Rücktritt des Aufsichtsrates.
Das Spiel, dass Sie momentan spielen, ist sehr gefährlich. Sie haben nur ein sehr kleines Zeitfenster, um eine komplett neue Führung für den HSV auf die Beine zu stellen.
Und diese Führung muss ein echter Kracher sein. Jede Lösung, die in der Anhängerschaft die Frage aufwirft, ob sie besser ist als die alte, wird die Situation nicht entschärfen, sondern nur verfestigen.
Manfred Ertel sagte in seiner Bewerbungsrede übrigens auch dieses, er zitiert Didi Beiersdorfer, der in der BILD ein Interview gegeben hat:
„Die Leistung der Mannschaft spiegelt auch ein wenig die Stimmung im Verein wieder“.
Um dann fortzufahren:
„Es wird bei uns zu viel, nach meiner festen Überzeugung, gegeneinander statt miteinander gearbeitet… und so kann es auf keinen Fall weitergehen.“
Herr Ertel, es ist an der Zeit zu verkünden, ob das Miteinander und die Stimmung, die derzeit im Club herrscht, die durch die Aufsichtsratsentscheidung am Sonntag entstanden ist, so in etwa Ihrer Vorstellung entspricht.
Im Sinne des HSV fordere ich Sie und alle anderen Mitglieder des Aufsichtsrates auf, Ihr Mandat niederzulegen und so einem wirklichen Neuanfang Raum zu geben.
Sollte es allerdings zu einer durch eine Petition erzwungene außerordentlichen Mitgliederversammlung kommen, könnte das Ergebnis, nämlich die Abwahl des AR, das gleiche sein – der Schaden für den HSV wäre allerdings dann größer, die Spaltung des Vereins zementiert.
GH
Hier geht´s zur Petition für stimmberechtigte HSV Mitglieder: http://alturl.com/6ak2d



