Nur die dümmsten Kälber…

Am Tag nach der Bekanntgabe des Aufsichtsrates, dass die Verträge der beiden Vorstände Hoffmann und Kraus nicht verlängert werden, schreibt ein Leser im Diskussionsforum der Hamburger Morgenpost:

„Wenn man sich von seiner Frau scheiden lassen kann, dann kann man sich auch von seinem Fußballverein trennen. Ich mache das jetzt“.

Obwohl ich natürlich nicht weiß, ob er sich jetzt von seiner Frau oder dem HSV, vielleicht in einem Abwasch sogar von beiden getrennt hat, hätte ich über diesen originellen Kommentar gut lachen können – wenn ich zu diesem Zeitpunkt nicht so traurig gewesen wäre.

Am Montagmorgen fühlte ich mich so, wie der Mopo Leser – und wie zigtausende HSV Fans in der gesamten Republik und darüberhinaus:

Leer und matt.

Man wusste, wie es um den Vorstand bestellt ist, man wusste, wie die Mehrheiten im Aufsichtsrat sind. Aber niemand den ich kenne, hat damit gerechnet, dass die am Sonntag letztendlich doch verkündete Entscheidung tatsächlich getroffen wird.

Hätte der Aufsichtsrat wenigstens Meister Proper im Ärmel gehabt, den man per sofort an die Stelle von Bernd Hoffmann hätte setzen können.

Hätte der Aufsichtsrat wenigstens ein Konzept vorgelegt, das Auskunft darüber gibt, wie es von jetzt bis Dezember 2011 und dann von Anfang Januar 2012 weitergeht.

Hätte der Aufsichtsrat wenigstens einen einzigen stichhaltigen Grund genannt, der diese Maßnahme rechtfertigt.

Nichts. Leere. Die reine Zerstörung. Kein Aufbau, keine Perspektive, kein Plan. Ich bin so erschüttert, dass mir die Worte fehlen um zu beschreiben, wie armselig und traurig diese Veranstaltung um unseren HSV ist.

Man hofft darauf (sic!), dass Hoffmann und Kraus bis zum Jahresende weitermachen und ihre Verträge erfüllen. Vielleicht hat der Aufsichtsrat Glück, und Herr Hoffmann tut dem HSV diesen Gefallen – aber für jedes Unternehmen, für jeden Sportverein ist das im Grunde ein unhaltbarer Zustand. Ein CEO, der kein Vertrauen im höchsten Gremium des Vereins besitzt soll einen neuen Trainer einstellen, soll Finanzmittel für die Zukunft des Vereins akquirieren, soll Verhandlungen mit Vereinsfunktionären und Spielerberatern über Spieler führen, die für unseren HSV in der Saison 2011/12 auflaufen sollen.

Er soll also an der Zukunft eines Clubs mitwirken, die er selber nicht mehr in leitender Funktion wird erleben dürfen.

Wem soll man das zumuten? Das ist alles mehr als lachhaft, das ist an Erbärmlichkeit nicht mehr zu überbieten. Sowas habe ich noch nie gehört!

Heute nun lese ich im Abendblatt ein Interview mit dem Aufsichtsratsmitglied Jürgen Hunke. Dort berichtet er, dass es ihm ein Anliegen gewesen ist, den Verein zu einen.

„Und ich lege Wert darauf, dass ich in meiner Rede (Wahlkampfrede zum Aufsichtsrat, Anm. GH) gesagt habe, dass es für mich wichtig ist, dass sich der Verein neu aufstellt und ich weder für noch gegen Hoffmann kandidiere. Wir müssen es gemeinsam schaffen, die unterschiedlichen Gruppen auf ein gemeinsames Ziel des HSV festzulegen. Nur daraus wächst irgendwann auch sportlicher und finanzieller Erfolg.“


Gratulation Herr Hunke, dass ist dem Aufsichtsrat ja prima gelungen. Und mit Verlaub, ich kann Ihnen Ihre wohlfeil formulierte Aussage nicht abnehmen.

Die Fakten lagen auf dem Tisch. Jeder wusste, dass die Entscheidung, die der Aufsichtsrat am Sonntag gefällt hat, zu dem Ergebnis führen wird, dass wir jetzt haben. Eine Führungslosigkeit auf allen Ebenen des HSV.

Und damit zu einer totalen Spaltung des Vereins.

Aber Jürgen Hunke kann man keinen Vorwurf machen, er hat am Sonntag umgesetzt, was er auch vorher schon angekündigt hatte. Zwar behauptet er, dass er weder für noch gegen Bernd Hoffmann kandidiert hat, aber jedes Kind in Hamburg wusste, wie die Entscheidung ausfallen wird.

Wenn man das  Interview liest, in dem Jürgen Hunke erklärt, er kenne den von einem Headhunter kontaktierten Björn Gulden zwar nicht, hätte ihn aber gewählt, glaubt man das Märchen vom Traditionalisten wohl kaum noch.

„Erinnern Sie sich bitte an die Kritik, die ich geäußert habe. Ich bin Traditionalist, Fußball besteht für mich aus Leidenschaft, aus Begeisterung, Charakter.“

Wenn man die gesamte aktuelle Situation um unseren Verein betrachtet, die in den letzten drei Tagen entstanden ist, muss man unweigerlich an Edmund Stoiber denken, der im Wahlkampf 2005 an die Adresse der Linkspartei-Wähler folgendes sagte:

„Nur die dümmsten Kälber wählen ihren Metzger selber“


Auf Facebook gibt es eine Gruppe, die nennt sich „Hoffmann raus. Sofort!“ In dieser Gruppe gibt es respektable 876 Mitglieder. Am Montag war in dieser Gruppe nicht ein einziger Kommentar zur Aufsichtsratsentscheidung zu finden. Aktuell, da ich das hier schreibe, Mittwochnachmittag, sind es 5 Kommentare. 5 Kommentare von 876 „Hoffmann raus. Sofort!“ Mitgliedern.

Man bekommt den Eindruck, als wolle es am Ende keiner gewesen sein.

Das ist nur allzu verständlich – denn ich befürchte, dass viele von denen, die den Aufsichtsrat am 09. Januar neu zusammengesetzt haben, die Konsequenzen ihres Tuns nicht wirklich überschaut haben.

Und wenn man sich die Kommentare der Hoffmann Gegner in den verschiedenen Foren auch heute ansieht, dann bekommt man den Eindruck, dass die Strukturen des Vereins, die Zuständigkeiten und damit auch die Konsequenzen verschiedener Handlungsoptionen nicht bekannt sind.

Aber was soll man machen, wenn sich Herr Ertel vor die versammelte HSV-Mitgliederschar stellt und in seiner Wahlkampfrede den alten Aufsichtsrat erst in Bausch und Bogen verdammt und dann folgendes sagt:

„Die Debatte um den Investor Kühne. Das ist für mich nach wie vor der Einstieg in den Ausverkauf unseres HSV. Natürlich brauchen wir Geld für den sportlichen Erfolg, und natürlich müssen wir auch neue Finanzquellen erschließen. Aber bitteschön nicht um jeden Preis. Z.B. um den Preis, dass wir unsere Mitbestimmung verkaufen, die Mitbestimmung der Mitglieder oder dass wir unser Tafelsilber verscherbeln, indem wir Anteile an unseren Spielern verpfänden. Damit verschenken wir heute Teile möglicher Transfererlöse und womöglich auch sportliche Erfolge von morgen“.

Herr Ertel hat den Deal mit Herrn Kühne entweder nicht verstanden oder er verschweigt den Mitgliedern bewusst die andere Seite der Medaille – nämlich dass Herr Kühne ein erhebliches Risiko geht, dass die Spieler, an deren zukünftiger Ablöse er zu 33% beteiligt ist, im Wert sinken – oder andersherum, dass dieses Risiko nicht mehr beim HSV liegt.

Ein Geschenk ist dieser Deal also mitnichten.

Und er verschweigt, dass Herr Kühne keinerlei Mitspracherecht beim Transfer einzelner Spieler erhalten hat. Das konnte jeder begutachten, als Dennis Aogo, einer der „verpfändeten“ Spieler seinen Vertrag im Januar bis 2015 verlängert hat.

Und vollkommen unerklärlich ist die Aussage, das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder würde verkauft werden.

Welches Mitbestimmungsrecht der Mitglieder meint Herr Ertel? Das Mitbestimmungsrecht der Mitglieder am Transfer einzelner Spieler?

Mit derartigen Aussagen schaffe ich mir Stimmvieh.

Wer nicht kritisch hinterfragt, dafür aber in Zukunft lieber wieder im Volksparkstadion Fußball guckt und seinen Eintrittspreis für dieses Erlebnis gerne wieder in D-Mark entrichten möchte, hat keine andere Wahl – Herr Ertel muss in den Aufsichtsrat.

 

Weiter geht´s:

„Wenn wir Geld brauchen, sollten wir beispielsweise die Vermarktung selbst in die Hand nehmen. Dann dürfen wir den Vertrag mit Sportfive auf keinen Fall verlängern. Der Vertrag mag damals, in der damaligen Zeit richtig gewesen sein, um aus der Finanzkrise des Vereins herauszukommen um unser tolles Stadion zu bauen. Heute ist er nicht mehr zeitgemäß, aber heute zahlen wir Jahr für Jahr 13 Mio Euro an Sportfive, Geld, dass wir dringend selbst gebrauchen können.“

Ich freue mich darauf Herr Ertel, dass Sie die Vermarktung in Zukunft ehrenamtlich selbst in die Hand nehmen werden. Auf diese Idee könnte man ja kommen, wenn man sich das anhört. 13 Mio Euro!

Was Herr Ertel verschweigt ist, dass der Deal mit Sportfive neu ausgehandelt werden muss, denn der Vertrag endet erst 2015. Und Herr Ertel bleibt ferner die Antwort schuldig, was es denn kostet, wenn der HSV die Vermarktung in Zukunft in eigener Regie übernimmt und ob die Einnahmen dadurch mindestens gehalten, vielleicht sogar gesteigert werden können.

Und ebenfalls bleibt er die Antwort schuldig, wo denn die Erfahrung in diesem Geschäftsfeld eingekauft werden soll, die es überhaupt erst möglich macht, derartig erfolgreich weiterzuarbeiten. Für Sportfive arbeiten, nur für den HSV, 10 Mitarbeiter – hinzu kommen 80 Vertriebsmitarbeiter bundesweit, von deren Tätigkeit der HSV natürlich ebenfalls profitiert.

Das heißt: nimmt der HSV diese Angelegenheit selbst in die Hand, würde er mitnichten 13 Mio Euro einfach so sparen. Denn Vermarktung bringt nicht nur Geld, sie kostet auch erst mal – wenn man vom Risiko mal absieht.

Um das zu verstehen, muss man nicht BWL studiert haben. Gesunder Menschenverstand reicht.

Aber von dieser Aussage fühlen sich sicherlich die angesprochen, denen die Champagner- und Kaviar-Hugos in den Logen sowieso ein Dorn im Auge sind und die es gerne sähen, wenn Bratwurst Benno seinen Stand mit angekokelten Thüringer Würsten irgendwo um das Stadion herum platziert – so wie damals, als man noch bei Papa an der Hand in die Betonschüssel namens Volksparkstadion gegangen ist und Thomas von Heesen zugejubelt hat.


Es ist mir kein Anliegen, mich auf Herrn Ertel einzuschießen. Wahrlich nicht, denn ich nehme ihm, im Gegensatz zu anderen Mitgliedern des Aufsichtsrates durchaus ab, dass es ihm in aller erster Linie um den HSV geht.

Und er spricht in seiner Wahlkampfrede durchaus einige kritische Dinge an, die auch ich für wahr und verbesserungswürdig halte.

Fakt ist, dass Herr Ertel durch seine Argumentation in den Aufsichtsrat gewählt wurde.

Bei der Abstimmung waren ca. 2.500 Mitglieder des HSV zugegen.

2.500 von vielleicht 60.000 wahlberechtigten Mitgliedern. Das entspricht etwa 4%.

Da jedes Mitglied 4 Stimmen hatte, repräsentieren die vier neuen Aufsichtsräte, sollten sie 100% der Stimmen erhalten haben, 4% der wahlberechtigten Mitgliedschaft des HSV.

Wahrscheinlicher ist es jedoch, dass die vier Räte eher um die 2-3% des potenziellen Wahlvolkes auf sich vereinigen.

Das nennt sich dann Demokratie.

Man hat es kommen sehen – man hat kommen sehen, dass unser Verein eines Tages von einem Aufsichtsrat regiert wird, der es nicht kann.

Er kann es nicht, weil die Interessen in diesem Aufsichtsrat nicht gleichgerichtet sind.

Weil die restlichen 95% Mitglieder, die gerne zum HSV gehen, die sich gerne Fußball angucken, die sich aber ansonsten um ihren Beruf und um ihre Familien kümmern und mit Anne Will schon genug Politik im Wohnzimmer haben, eben nicht wissen, dass eine Abstimmung zum Aufsichtsrat des HSV eine erhebliche Bedeutung auf den Fußballverein des Herzens hat – und somit der Wahl fern bleiben.

Leute, die sich darüber freuen, dass es einen Familienblock gibt – und denen es egal ist, dass ein Eisproduzent dafür Namenspate ist.

Leute, die sich darüber freuen, wenn sie mal in die Logen eingeladen werden und sich dort den Bauch vollschlagen dürfen – unabhängig davon, wer für diese Loge viel Geld bezahlt hat.

Und Leute, die sich eine Dauerkarte für 500,- Euro kaufen um sich an der Stimmung auf den billigen Plätzen in der Nordkurve zu erfreuen.

Und jetzt haben wir das Desaster. Ein Chaos um den Club, der mindestens als existenzbedrohend wahrgenommen wird.

Und es geht nun, und das sei klar und deutlich formuliert, nicht um Bernd Hoffmann. Es wäre wünschenswert gewesen, seinen Vertrag um mindestens ein Jahr zu verlängern. Jedenfalls sehe ich das so – und mit mir mittlerweile auch viele andere, denen Herr Hoffmann in der Vergangenheit maximal egal gewesen ist.

Meine Meinung dazu habe ich hier und hier geschrieben.

Aber Bernd Hoffmann ist nur der Vorstandsvorsitzende des HSV. Es ist legitim, einen neuen Vorstandsvorsitzenden zu wollen, es ist legitim, harte Kritik an ihn zu richten und es ist legitim, seine Abwahl zum Programm zu machen.

Aber es ist nicht legitim, Herrn Hoffmann vor die Tür zu setzen und keinen adäquaten Ersatz zu präsentieren.

Und es ist nicht legitim, eine Anhängerschaft, die vollkommen vereins-unpolitisch war in einer derartigen Weise zu spalten.

Es ist nicht legitim, die finanzielle Zukunft unseres Vereins mit derart dilettantischen Maßnahmen aufs Spiel zu setzen.

Wer bucht in der kommenden Saison noch Logen und Business Seats?

Wer hat aktuell im Verein das Verhandlungsgeschick, Ablösesummen je nach Bedarf nach oben oder nach unten zu verhandeln um eine Mannschaft für die kommende Saison zusammenzustellen, die finanziell tragfähig ist?

Welches Unternehmen, das sich vielleicht überlegt, Werbepartner des HSV zu werden, verfolgt dieses Ziel momentan mit Priorität?

Nichts von alledem haben Sie bedacht, lieber Aufsichtsrat, als Sie am Sonntag Bernd Hoffmann rausgeworfen haben.

Das nennt man vereinsschädigendes Verhalten – und zwar von einer Gruppe von Leuten, die mit scheinbar demokratischer Legitimation die Geschicke eines Vereins lenken, dem Hunderttausende oder Millionen im Herzen verbunden sind.

Daher bleibt nun nurmehr übrig, die Mitglieder des Hamburger Sportvereins e.V. aufzurufen, eine außerordentliche Mitgliederversammlung einzuberufen um den Aufsichtsrat neu zu bestimmen und darüber zu sprechen, welche Strukturen der HSV in Zukunft braucht, um national wie international eine schlagkräftige Profimannschaft auf den Rasen zu bekommen.

Und zwar demokratisch – und das heißt, dass Demokraten auch bestimmen dürfen, dass die Demokratie in einigen Bereichen des Lebens höchst suboptimal ist.

Eine andere Möglichkeit wäre, und die würde ich bevorzugen, der geschlossene Rücktritt des Aufsichtsrates.

Das Spiel, dass Sie momentan spielen, ist sehr gefährlich. Sie haben nur ein sehr kleines Zeitfenster, um eine komplett neue Führung für den HSV auf die Beine zu stellen.

Und diese Führung muss ein echter Kracher sein. Jede Lösung, die in der Anhängerschaft die Frage aufwirft, ob sie besser ist als die alte, wird die Situation nicht entschärfen, sondern nur verfestigen.

Manfred Ertel sagte in seiner Bewerbungsrede übrigens auch dieses, er zitiert Didi Beiersdorfer, der in der BILD ein Interview gegeben hat:

„Die Leistung der Mannschaft spiegelt auch ein wenig die Stimmung im Verein wieder“.

Um dann fortzufahren:

„Es wird bei uns zu viel, nach meiner festen Überzeugung, gegeneinander statt miteinander gearbeitet… und so kann es auf keinen Fall weitergehen.“

Herr Ertel, es ist an der Zeit zu verkünden, ob das Miteinander und die Stimmung, die derzeit im Club herrscht, die durch die Aufsichtsratsentscheidung am Sonntag entstanden ist, so in etwa Ihrer Vorstellung entspricht.

Im Sinne des HSV fordere ich Sie und alle anderen Mitglieder des Aufsichtsrates auf, Ihr Mandat niederzulegen und so einem wirklichen Neuanfang Raum zu geben.

Sollte es allerdings zu einer durch eine Petition erzwungene außerordentlichen Mitgliederversammlung kommen, könnte das Ergebnis, nämlich die Abwahl des AR, das gleiche sein – der Schaden für den HSV wäre allerdings dann größer, die Spaltung des Vereins zementiert.

GH

Hier geht´s zur Petition für stimmberechtigte HSV Mitglieder: http://alturl.com/6ak2d


Die Mär vom totalen Neuanfang

Kinder, die ihre Hausaufgaben machen, tendieren, insbesondere zu Beginn eines jeden Schuljahres, gerne zum Neuanfang.

Nach der Hälfte eines anzufertigenden Textes oder einer Mathe-Aufgabe wird aufgrund zahlreicher durchgestrichener oder mit Tintenkiller korrigierter Textstellen einfach ein neues Blatt Papier aus der Schublade gezogen um die bisherigen Ergebnisse noch einmal, diesmal in Schönschrift, darzubringen.

Macht sich bei den Eltern besser, bei den Lehrern sowieso. Und es stellt sich ein zufriedenes Gefühl ein – habe ich gut gemacht! Wer kennt das nicht?

Problematisch wird es, wenn die Hausaufgaben in einem gebundenen Heft gemacht werden müssen. Um hier neu anzufangen, bedarf es des Herausreißens einer oder sogar mehrerer Seiten.

Zwar sieht das momentane Ergebnis, die aktuellen Hausaufgaben, danach sehr viel besser aus – aber das Gesamtwerk „Deutschheft“ hat einen nicht unerheblichen Makel, den es nun vor den Augen der Lehrer zu verbergen gilt. Viel Freude, so ist es in meiner Erinnerung, habe ich an derartigen Schulheften nicht mehr gehabt.

In diesen Tagen wird beim HSV, teils aus prominentem Munde, ein totaler Neuanfang gefordert.

Manfred Kaltz, der erfolgreichste HSVer aller Zeiten formulierte es in der Welt so:

„Vorstandschef Bernd Hoffmann und Katja Kraus haben acht Jahre lang die Chance gehabt, etwas zu bewegen. Wenn ich die heutige Situation des HSV sehe, ist dies nur mehr oder weniger gelungen“,

Manfred Kaltz spürt obendrein eine vergiftete Atmosphäre:.

„Die Stimmung im Verein muss wieder besser werden, es muss auf der Geschäftsstelle auch mal wieder gelacht werden“, sagt er. „Zudem wäre es für Frank Arnesen gut, wenn er beim HSV unbelastet anfangen könnte.“

Neuanfang – mal abgesehen von der tautologischen Tendenz in diesem Begriff – hört sich fantastisch an. Hoffmann raus, Kraus raus, neuer Sportchef, neuer Aufsichtsrat, neue Spieler. Endlich Erfolg!

Bernd Hoffmann ist kein unbedingter Sympathieträger. Schon Kollegen und Mitarbeiter seines ehemaligen Prinzipalen „Sport Five“ berichten, dass Bernd Hoffmann das ist, was seit der Bankenkrise 2009 in eher abfälliger Tonlage „Manager“ geschimpft wird.

Entscheidungen, so die Aussagen, wurden eher aus wirtschaftlichen denn aus menschlichen Erwägungen getroffen. Und für eine besonders schöne Kultur im Umgang mit Menschen ist der HSV ja nun auch nicht wirklich bekannt. Jedenfalls wirkt einiges in diesem Bereich mindestens unbeholfen und oftmals unglücklich.

Menschen wie Bernd Hoffmann polarisieren. Er ist nunmal kein Franz Beckenbauer oder Jürgen Born. Männer, die beinharte Entscheidungen treffen konnten ohne großartig zu polarisieren. Die einen Verein waschen konnten ohne die Fans dabei naß zu machen.

Er hat nicht die Art und öffentliche Stärke eines Uli Hoeneß, der eine Reputation hat die es ihm erlaubte, auch mal Fans zu beschimpfen.

Hoffmann muss taktieren. Jede Mitgliederversammlung wird zum Drahtseilakt, jede Aufsichtsratssitzung zum unkalkulierbaren Event. Entscheidungen im Club, auch wenn er mit diesen überhaupt nichts zu tun hat, werden Bernd Hoffmann zur Last gelegt. Niederlagen hat Herr Hoffmann zu verantworten, gescheiterte Transfers sowieso.

Aber welche sachlichen Argumente tragen denn die Kritiker des Bernd Hoffmann vor? Wo ist die wirkliche Auseinandersetzung mit seiner Arbeit?

Herrn Hoffmann einfach nur nicht zu mögen, reicht doch wohl nicht aus.

Es sind drei wesentliche, sehr sachliche Kritikpunkte, die im Moment bewegen.

  1. Der Kühne-Deal
  2. Hoffmanns Einmischung in sportliche Belange des Vereins und
  3. die unklare wirtschaftliche Situation (20 Mio Transferverbindlichkeiten)

    Der Kühne-Deal

Der Kühne-Deal hat dem Verein kurzfristig 12,5 Mio Euro in die Kasse gespült. Dafür wurde Herr Kühne zu 33% an den Transfererlösen der Spieler Aogo, Jansen, Guerrero, Westermann und Diekmeier beteiligt.

Bezahlt hat der HSV für die Spieler insgesamt 22 Mio Euro. Würde der HSV alle fünf Spieler zum aktuellen (geschätzten) Marktwert veräußern, bekäme der HSV 38 Mio Euro.

Davon flössen 1/3 an Herrn Kühne, macht 12,5 Mio. Aktuell wäre der Deal also bei einer schwarzen Null für den HSV. Sinken die Preise für die Spieler, macht der HSV einen Gewinn. Steigt der Marktwert erheblich, muss der HSV in Zukunft auf Geld verzichten.

Das wirkt wie ein Optionsmodell. Das alleinige Totalausfall-Risiko liegt bei Herrn Kühne, nicht beim HSV – der über dieses Geschäft obendrein kurzfristig 12,5 Mio Euro an Einnahmen erzeugt hat.

Das kann der HSV Fan an sich ja nicht so schlecht finden. Aber was findet er denn schlecht? Natürlich die Kommunikation und den Anschein, der HSV würde ausverkauft.

Man warf Herrn Hoffmann vor, er würde sich von nun an von den Launen eines Milliardärs abhängig machen – wir verlieren die Hoheit über die Transferpolitik.

Am 10. Januar hat Dennis Aogo seinen Vertrag beim HSV bis 2015 verlängert. Spätestens hier hätte der Kritiker fair anerkennen können, dass Herr Hoffmann sich eben gerade nicht von den (mutmaßlich kurzfristigen) finanziellen Gelüsten des Herrn Kühne hat beeindrucken lassen.

Zu lesen war bei Dennis Aogos Vertragsverlängerung über diesen Sachverhalt allerdings nichts. Hätte ich auch merkwürdig gefunden – denn das Zahlenwerk, die kaufmännische Seite der Medaille, war so gut wie nie Bestandteil der Kühne-Diskussionen in den diversen HSV-Foren. Es ging fast ausschließlich um emotionale Aspekte. Allzu verständlich, aber aus meiner Sicht deutlich zu kurz gesprungen.

Einmischung in sportliche Belange

Im August 2002, also drei Monate vor der Verkündung, dass Bernd Hoffmanns Nachfolger von Werner Hackmann als Vorstandsvorsitzender wird, trat Dietmar Beiersdorfer seinen Posten als Sportvorstand des HSV an.

Die Geschichte des HSV von 2002 bis 2009 wurde also nachhaltig von Hoffmann und Beiersdorfer gemeinsam bestimmt.

Sportlich ging es in dieser Zeit, verglichen mit den tristen und schauderhaften 90iger Jahren mächtig voran. Der HSV war regelmäßig in Europa vertreten, einmal wurde sogar Champions League gespielt. In 2009 war der Verein lange Zeit in allen drei Wettbewerben aussichtsreich vertreten. Es war quasi unmöglich, diesmal keinen Titel zu erringen.

Irgendwie ist es dem HSV leider doch gelungen.

So auch 2010 durch das Ausscheiden im Halbfinale der Euro League beim FC Fulham.

In der Ära Beiersdorfer/Hoffmann wurden in Hamburg Raphael van der Vaart, Nigel de Jong, Marcel Jansen, Daniel van Buyten, Ivica Olic und viele andere, klangvolle Namen verpflichtet und führten zu einem Glanz, den Hamburg seit den achziger Jahren nicht gesehen hatte. Nationalspieler wurden Jerome Boateng, Piotr Trochowski und Dennis Aogo.

Marcel Jansen war schon Auswahlspieler.

Bernd Hoffmanns Ziel war es, den HSV sportlich in die Top 20 in Europa zu führen. Im Jahre 2007 war der HSV noch die No. 71 in Europa, im Jahre 2009 die No. 14.

Die Mitgliederzahl stieg seit 2003 von 17.000 auf über 65.000. Eine Steigerung von 382%.

Das Stadion war stets voll, die Begeisterung um den Verein ist bis heute ungebrochen.

Der Umsatz des Clubs stieg bis zum Jahr 2009 auf 146 Millionen Euro. Damit ist der HSV, gemessen am Umsatz , die No. 11 in Europa. Zusätzlich erwirtschaftete der Verein im Jahre 2009 den Rekordgewinn von über 13 Mio Euro.

Es hätte so weitergehen können. Bis sich Didi Beiersdorfer und Bernd Hoffmann überwarfen – man war sich nicht einig, wer Nachfolger von Huub Stevens werden soll.

Mehrfach traf sich die Führungsspitze des HSV damals mit Jürgen Klopp. Man war sich bereits einig, dass Jürgen Klopp seine Tätigkeit als TV-Bundestrainer aufgeben muß, wenn er zum HSV kommt. Bei Zahlen und Vertragslaufzeit war man sich weitestgehend einig. Jürgen Klopp wollte lieber zum HSV als zu Borussia Dortmund wechseln.

Aber Dietmar Beiersdorfer wollte Jürgen Klopp nicht. Er wollte Fred Rutten. Bernd Hoffmann machte sich weiterhin für Jürgen Klopp stark, geholt wurde dann Martin Jol.

Hier platzte Dietmar Beiersdorfer offenbar der Kragen. Denn: in sportlichen Belangen hat Bernd Hoffmann eigentlich nichts zu suchen. Diese Vorgehensweise, dass hätte Bernd Hoffmann wissen müssen, war eine klare Kampfansage an Dietmar Beiersdorfer. Die Gründe, warum Bernd Hoffmann unbedingt Jürgen Klopp wollte und Dietmar Beiersdorf eben nicht, liegen im Verborgenen.

Mir ist nicht bekannt, dass Bernd Hoffmann sich an anderer Stelle während der Zeit mit Dietmar Beiersdorfer in sportliche Belange nennenswert eingemischt hätte.

Der endgültige Bruch zwischen Beiersdorfer und Hoffmann kam dann im Juni 2009, als man sich über die Beurteilung der vergangenen Saison, in der 3 Titel verspielt wurden, nicht einig wurde. Hoffmann war enttäuscht vom Saisonverlauf, Beiersdorfer eher zufrieden.

Wer hier am Ende, nach 6 Jahren erfolgreicher Zusammenarbeit der Hauptschuldige für die Trennung ist, kann wohl kaum geklärt werden. Das wissen wohl nur die Protagonisten selbst.

Fakt ist jedoch, dass es nicht Bernd Hoffmann anzulasten ist, dass erst zum Juli 2011 ein neuer Sportchef zum HSV kommt.

Zunächst hat Bruno Labbadia bis zu seiner Entlassung im April 2010 die Aufgaben des Sportchefs mit übernommen. In diese Zeit fielen die Transfers von David Rozehnal (5,5 Mio) und Marcus Berg (10 Mio)

Diese Fehleinkäufe werden Bernd Hoffmann angelastet. Sicherlich hat er, zusammen mit Katja Kraus, in dieser Angelegenheit ein Wörtchen mitgesprochen – wenn nicht gar die Entscheidungen alleine getroffen.

David Rozehnal wird sicherlich nicht mehr beim HSV spielen. Was aus Marcus Berg wird, ist allerdings noch nicht entschieden.

Tatsache ist jedoch, dass diese Transfers getätigt wurden in einer Zeit, als der HSV keine sportliche Führung hatte.

Für diese Führungslosigkeit ist der Aufsichtsrat des HSV verantwortlich, daher auch zumindest mittelbar an diesen beiden (vermeintlich) verfehlten Transfers.

Bernd Hoffmann allerdings daran zu messen und ihm zu unterstellen, er würde sich grundsätzlich zu sehr in sportliche Belange einmischen, ist arg weit hergeholt.

In Zukunft wird er das auch gar nicht mehr können – Frank Arnesen wird da sicherlich keine Kompetenzüberschreitungen dulden.

Hätte der HSV Aufsichtsrat schnell einen neuen sportlichen Leiter verpflichtet, es wäre im übrigen gar nicht soweit gekommen.

 

Die unklare wirtschaftliche Situation des Clubs

Im Dezember 2010, bezeichnenderweise kurz vor der Mitgliederversammlung des HSV im Januar, wurden dem Hamburger Abendblatt Dokumente zugespielt, die belegen, dass der HSV Transferverbindlichkeiten in Höhe von 20 Millionen Euro hat.

Diese sind entstanden durch den Transfer von Spielern (und des Trainers Bruno Labbadia), deren Ablösesummen an die abgebenden Vereine nicht sofort in voller Höhe entrichtet wurden.

Auf den ersten Blick macht sowas Angst. Haben wir noch genügend Geld in der Kasse? Können wir uns in der kommenden Saison überhaupt noch etwas leisten?

Das selbe Abendblatt, dass am 28. Dezember also meldet, dass den HSV noch Transferschulden in Höhe von 20 Mio Euro „drücken“, berichtet noch am 09. Dezember 2010 über einen Gewinn des HSV in Höhe von 496.000,- Euro im Geschäftsjahr 2009/2010.

Im selben Artikel wird der HSV dafür gelobt, dass er inzwischen zu den Musterschülern der DFL zählt, bei dem ein vereinfachtes Lizenzierungsverfahren angewendet wird.

In diesem Artikel steht, dass die Liquidität des HSV jederzeit gewährleistet ist, der von Banken gewährte Kontokorrentrahmen ist nicht in Anspruch genommen.

Der nicht durch Eigenkapital gedeckte Fehlbetrag in der Konzernbilanz des HSV sank von 1,1 Mio. Euro auf nur noch 621 000 Euro. 2005 hatte dieser noch 21 Mio. Euro betragen.

Den Verbindlichkeiten aus den Spielertransfers „Eljero Elia“ und „Marcus Berg“ stünden Forderungen der Spielertransfers „Sidney Sam“ und „Jerome Boateng“ in Höhe von 14 Millionen Euro gegenüber, die erst im Geschäftsjahr 2010/2011 abgerechnet werden.

Im Gegensatz zu anderen Clubs hat der HSV keinerlei Bankverbindlichkeiten. Die größten Verbindlichkeiten hat der Club noch aus der Stadionfinanzierung in Höhe von 48,9 Mio Euro, die im Jahr 2017 bezahlt sein werden.

Je nach Verzinsung des Darlehens spart der HSV ab dem Jahr 2017 also ca. 9,5 Mio Euro (bei 5% Zinsen p.a.) jährlich durch die wegfallende Stadionfinanzierung.

Es ist für mich nicht erkenntlich, dass der Club in irgendwelchen nennenswerten Schwierigkeiten steckt. Es ist jedoch erkenntlich, dass durch den Zeitpunkt der Veröffentlichung der Dokumente über das Abendblatt Politik gemacht wird.

Hier wird ein Teil der Wirklichkeit veröffentlicht – aber die ganze Wahrheit schadet sicherlich nur dem Anliegen desjenigen, der derartige Dokumente an die Öffentlichkeit bringt.

Fazit

Es ist überhaupt nicht zu beurteilen, ob ein neuer Vorstand den HSV kurz- oder mittelfristig nach vorne bringen würde.

Die harten Fakten sprechen aber dagegen.

Wer meint, es sei eine uneingeschränkt charmante Lösung, neben einem neuen Sportdirektor gleich noch Ersatz für Bernd Hoffmann und Katja Kraus zu installieren, erkennt nicht, welche Gefahren das für unseren Club beinhaltet.

Es gibt keinen Führungswechsel ohne erhebliche Probleme.

Wer glaubt, es sei dadurch getan, dass auf der Geschäftsstelle mal wieder mehr gelacht wird, soll sich einen guten Witz ausdenken und diesen erzählen.

Schlechte Stimmung entsteht nicht durch einen strengen Chef, den man nicht mag. Schlechte Stimmung entsteht durch Unklarheit und „Rumgeeiere“.

Der Aufsichtsrat hat es im Moment nicht wirklich eilig. Obwohl alle Fakten auf dem Tisch liegen, alle Argumente pro und contra Hoffmann/Kraus seit langem ausgetauscht sind.

Meine Herren, es ist nun Zeit für Entscheidungen!

Aber eine Warnung sei hier angebracht: wer sich für einen kompletten Neuanfang ausspricht muß wissen, dass man einige Seiten aus dem Schulheft rausreißen muß um diesen Neuanfang zu gestalten.

Derjenige muss akzeptieren, dass ein neuer Vorstand erst einmal belegen muß, dass er einen wirtschaftlich exzellent geführten Club noch besser führen kann.

Und er muss wissen, dass eine solche Entscheidung das Risiko beinhaltet, dass man Jahre braucht, um ein neues System zu installieren.

Bernd Hoffmann, Katja Kraus und Frank Arnesen sollen jetzt die Chance haben, aus einem wirtschaftlich gesunden Club auch einen fußballerisch sehr erfolgreichen Club zu machen.

Und einen Club, dem nicht nur Punkte, Geld und gute Spieler, sondern in Zukunft auch noch mehr Sympathien und Herzen zufliegen.

So, wie es sich für den HSV gehört.

GH


Der HSV und seine Trainer – ein Plädoyer für Armin Veh

Am 19. November 2007 meldet das Hamburger Abendblatt, dass Huub Stevens aufgrund der Erkrankung seiner Frau Toos den HSV am Saisonende verlassen wird.

Bernd Hoffmann erklärte daraufhin: „Wir haben Huub Stevens als konsequenten Mann kennengelernt, der seine Verträge einhält. Wir haben viel Spaß mit ihm und hätten gern bis zu seiner Pensionierung mit ihm gearbeitet“

Aus meiner Erinnerung heraus kann ich behaupten, dass ich das so ähnlich gesehen habe. Zwar war der Fußball unter Huub Stevens nicht immer besonders attraktiv bzw. offensiv ausgerichtet, aber er war sehr erfolgreich.

Seine Bilanz läßt sich sehen. Am 03.02.2007 hat Huub Stevens zum ersten Mal auf der Bank gesessen, ohne die Mannschaft vorher auch nur einmal trainiert zu haben.

Der neue Trainer übernahm den Verein mit 15 Punkten. In den verbliebenen 17 Spielen der Rückrunde erreichte das Team um Kapitän Raphael van der Vaart 30 Punkte. Nach dem VfB Stuttgart, das in dieser Saison Meister wurde, war der HSV die zweitbeste Rückrundenmannschaft und schaffte noch über den UI-Cup die internationale Beteiligung im UEFA Pokal.

Das war eine Sensation!

Als der Trainer dann im November 2007 vermeldete, dass er zur neuen Saison den PSV Eindhoven übernehmen wird, lag der HSV einen Punkt hinter dem Spitzenreiter Bayern München, punktgleich mit Werder Bremen auf Rang drei.

Träume von der Meisterschaft waren in Hamburg zu dieser Zeit erlaubt.

Die verbleibenden Spiele bis zum Saisonende waren dann allerdings nur noch durchwachsen. Die Mannschaft holte in 21 Spielen gerade noch 27 Punkte.

Mit Ach und Krach wurde ein UEFA Pokal Platz verteidigt. Vom Champions League Qualifikant Schalke 04 trennten den HSV schon 10 Punkte.

Wie konnte das passieren?

Heute schreibt Jürgen Schnitgerhans in seiner BILD Kolumne sinngemäß: „Der HSV rumpelte sich in Kaiserslautern zu einem 1:1. Wenn im Juli der neue Sportchef seinen Posten antritt, hat er eine riesengroße Anzahl an Baustellen zu bewältigen“.

Mal abgesehen davon, dass ich mich oft frage, was dem armen Herrn Schnitgerhans am Wochenende so alles widerfährt, damit er am Montag diesen gequirlten Nörglerquark in einer großen Tageszeitung veröffentlicht muß, gibt er sich auch hier wieder als jemand zu erkennen, der nicht die Lösungen für die Probleme benennt, sondern sich vielmehr als Teil der Probleme outet

Er versteht nicht, dass bei unserem HSV vieles sehr gut ist – aber einige wenige Dinge leider nicht sehr gut zusammenpassen. Er schlägt gerne auf einzelne ein, benennt also die offensichtlichen Schwachstellen im Orchester (was ja wahrscheinlich auch gut bei den Lesern ankommt) – aber er erkennt nicht die Kakophonien in der Gesamtkomposition.

Und es sind die Kakophonien, die vielen Akteuren unseres Vereins die Motivation rauben.

Die Motivation eines jeden Kickers, so wie auch jedes anderen Arbeitnehmers, sollte zu weiten Teilen intrinsisch sein.

Jeder Mensch kann, getrieben von der Möglichkeit, sich eine gute Position im Unternehmen oder einer Mannschaft zu erarbeiten, einen internationalen Wettbewerb zu erreichen, ein besseres Gehalt zu verhandeln, in die Nationalmannschaft berufen zu werden, eine Führungsposition zu ergattern oder schlicht im sozialen Ranking aufzusteigen, Höchstleistungen erbringen.

Eigene Ziele zu haben und diese auch konsequent zu verfolgen sind ein wesentlicher, aber nicht der alleinige Faktor dafür, um stets 100% seiner Leistung abzurufen.

Hinzu kommen für jeden Menschen weitere, unverzichtbare Bestandteile, um nicht nur kurz- sondern auch mittel- und langfristig ein hohes Maß an Einsatz zu zeigen und große Erfolge einzufahren.

Dazu gehören: Sicherheit, Verläßlichkeit und, so pathetisch das auch klingen mag, Geborgenheit.

Und genau diese Dinge zu produzieren, wird eine von ganz wenigen Aufgaben sein, die Frank Arnesen in der näheren Zukunft anpacken muß. Das ist nicht viel aber natürlich trotzdem nicht leicht.

Momentan wissen viele Spieler nicht, zu welchen Konditionen sie im nächsten Jahr spielen werden. Sie wissen noch nicht einmal, wo sie spielen werden und ob sie überhaupt noch einen Job bekommen.

Die gleichen Spieler, die sich über ihre eigene Zukunft nicht im klaren sein können, wissen ja noch nicht mal, ob der Cheftrainer in der nächsten Saison noch der gleiche ist – vielleicht kündigt er auch schon zum nächsten Spiel seinen Rückzug an.

Sie wissen obendrein nicht, ob nicht der gesamte Vorstand des HSV gleich mit ausgewechselt wird.

Viele Fußballfans würden nun entgegnen: „Die Herren Profis sollen für ihre Millionen gefälligst den Arsch für unseren HSV hoch kriegen.“

Ein gerne genommenes Argument – aber leider vollkommen falsch.

Ich möchte denjenigen Angestellten sehen, der weiterhin außergewöhnliche Höchstleistungen abliefert, auch wenn er nicht weiß, ob er vielleicht bald rausfliegt. Obwohl er weiß, dass sein direkter Vorgesetzter entweder selbst keine Lust mehr auf seinen Job hat oder wahlweise von der Geschäftsführung öffentlich abserviert wird – von einer Geschäftsführung, von der dieser Mitarbeiter ebenfalls nicht weiß, ob sie im nächsten Jahr noch da ist.

Höchstleistungen in einer solchen Firma, in einer solchen Situation wären eine absolut absurde Vorstellung!

Und zwar auch dann, wenn das Einkommen dieses Mitarbeiters überdurchschnittlich wäre.

Eine besondere Motivation oder außergewöhnliche Leistungsanreize durch gemeinsam in dieser Firma formulierte und von allen mit aller Konsequenz verfolgte Ziele fühlen sich ganz bestimmt anders an.

Stets zu wissen, dass Richtige zu tun, sich auf sich selbst und auf den Nebenmann verlassen zu können – dieses Gefühl in einem Menschen zu erzeugen wäre in einer solchen Firma schlechterdings unmöglich.

Gemeinsame Ziele zu formulieren und zu erreichen ist schön – die Ziele, zumindest des HSV, sind ja auch klar, aber sind sie auch „Gemeinsam“?

Welche unserer Spieler wollen oder dürfen denn eigentlich mit dem HSV nach Europa, sollten wir es denn tatsächlich noch schaffen?

Der HSV will nach Europa, eigentlich muß er nach Europa. Viel Zeit haben wir nicht mehr. Es geht noch gegen Mainz, Hannover, Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen sowie die direkten Konkurrenten um einen internationalen Platz aus Hoffenheim und Freiburg.

Wir haben einfach keine Zeit für Experimente. Der HSV muß jetzt sofort zu Stärke kommen!

Ein wesentlicher Baustein für diese Stärke ist Sicherheit und Verlässlichkeit. Die Voraussetzungen also dafür, dass dieSpieler sich nur um eines zu kümmern haben: Den Erfolg des HSV!

Dazu gehört ein guter Trainer!

Armin Veh ist als Trainer mindestens so gut wie jeder andere am Markt verfügbare. Eher besser. Denn Armin Veh ist ein Deutscher Fußballmeister als Trainer.

Das haben in den letzten 20 Jahren nicht viele geschafft.

Diese Deutsche Meisterschaft sei „Zufall“, so meinen einige in den großen HSV Foren.

Das sind Ahnungslose.

Man wird nicht durch Zufall Deutscher Meister. Das geht nicht. Man wird Deutscher Meister, weil Verein, Trainer und Mannschaft eine Einheit bilden.

Weil eine Mannschaft das umsetzt, was der Trainer und der Sportchef vorgeben. Weil der Vorstand dafür sorgt, dass alle notwendigen Ressourcen zur Verfügung stehen und die Mannschaft in Ruhe am Erfolg arbeiten kann.

Weil in einer Mannschaft Spieler sind, die das große Ziel vor Augen haben und alles dafür tun, einmal im Leben Deutscher Meister zu sein.

Armin Veh weiß, wie sich das anfühlt. Er weiß, wie Spieler ticken, die diesen Erfolg unbedingt wollen, auf wen er sich verlassen kann – und auch, auf wen er sich nicht verlassen kann.

Armin Veh hat keine Angst vor großen Namen – die sitzen trotz ihres Namens auf der Bank oder auf der Tribüne, wenn sie nicht mitziehen.

Er weiß aber auch, wie ein Verein strukturiert sein muß, um an einem so großen Ziel konsequent zu arbeiten.

Und Armin Veh, so meine Vermutung, hat bis vor kurzem das Gefühl gehabt, dass mit diesem schlecht strukturierten HSV ein so großes Ziel nicht zu erreichen ist. Das frustriert, das macht mürbe. Denn in diesem, nichtsportlichen Bereich kann er niemanden auf die Tribüne schicken, wenn er nicht funktioniert.

Und Jürgen Hunke sitzt  ja sowieso schon da.

Wir können keinen Trainer gebrauchen, der sich nicht zu 100% in den Dienst des Erfolges stellen kann, weil ihn ständig andere Dinge umtreiben. Weil er sich an Eitelkeiten und nicht geklärten Zuständigkeiten abarbeitet.

Würde dieser Frust Armin Veh dazu veranlassen, den HSV zu verlassen oder seinen Abgang zumindest anzukündigen, könnte der Mannschaft dasselbe passieren, wie schon einmal, ab November 2007 unter der Leitung von Huub Stevens.

Ein sportlicher Niedergang mit dem Ergebnis, auch im kommenden Jahr wieder nicht für Europa qualifiziert zu sein.

Im Umkehrschluss: wenn Armin Veh ab sofort die volle Rückendeckung von Vorstand, neuem Spordirektor und dem Aufsichtsrat bekäme, wenn Armin Veh sich zum HSV bekennt, wäre dem Verein am meisten geholfen.

In unserer jetzigen Situation, da bin ich mit sehr sicher, würden auch die Fans zu Armin Veh stehen. Er wird von der Kritik sowieso am meisten ausgenommen – selbst Jürgen Schnitgerhans läßt Herrn Veh weitestgehend in Ruhe.

Und der Verein, also die Fans, würden auch hinter Bernd Hoffmann und Katja Kraus stehen, wenn die Vertragsverlängerung mit den beiden Vorständen rasch und elegant geregelt werde könnte.

Das einzige, was ich mir dann noch wünsche, ist ein fairer und würdiger Umgang mit allen Spielern, die aktuell für den HSV die Raute tragen.

Auch wenn sie dies ab dem nächsten Jahr nicht mehr tun.


Frank Arnesen und der Glaube an die Balance

Als ich nach dem verlorenen Derby gegen St. Pauli auf dem Weg nach Hause war, habe ich Radiosender gezappt.

Ich wollte Interviews hören – vielleicht wollte ich auch hören, dass das, was ich eben live und in Farbe sah, einfach nicht stimmte.

Bei Radio Hamburg blieb ich hängen. Hörer beider Vereine sollten anrufen um ihre Gefühle und Meinungen öffentlich darzubieten.

Nach einer spätpubertierenden Anhängerin von St. Pauli, die ihrem Überschwang an Emotion kaum Herr werden konnte kam ein väterlicher HSV Fan an die Reihe – offenbar aus der Sozialisationsgeneration „Keegan – Kargus – Kaltz“.

Und der meinte: „Wer so mutlos wie der HSV in der ersten Stunde agiert, hat einen Sieg gegen St. Pauli auch nicht verdient.“

Der Moderator reagierte professionell und hakte nach. Er hätte ja auch fragen können, ob hier zuviel Bier und Schnaps im Spiel war.

„Ja“ meinte der Anrufer, „schon gegen Wolfsburg war die Mannschaft unterlegen und hat am Ende nur mit Glück gewonnen“.

Mal abgesehen davon, dass 95% aller 1:0 Spiele auch etwas mit Glück zu tun haben, war doch der HSV die überlegene und spielbestimmende Mannschaft in Wolfsburg und hat zwar glanzlos, aber am  Ende doch verdient gewonnen.

Und dann kam´s. Der Radiomann fragte erneut nach. Woran die Niederlage gegen St. Pauli seiner Meinung nach gelegen haben könnte.

Die Antwort kam prompt und wie aus der Pistole geschossen: „Bernd Hoffmann muss weg. Der duldet niemanden neben sich, der ihm und seiner Macht gefährlich werden könnte.“

Aha.

Das heißt ja im Umkehrschluss, Bernd Hoffmann ist zu stark. Wir sollen also einen Vorstandsvorsitzenden entlassen, der zu stark ist.

Oder noch anders ausgedrückt: wir wollen kein Alphatierchen als Vorstandsvorsitzenden. Wir wollen stattdessen einen mittelmäßig machtbewussten Vorstandsvorsitzenden, dem dann eben auch mittelmäßig durchsetzungsstarke Sportdirektoren oder Trainer ebenbürtig sind.

So, jetzt ist es logisch – wer Mittelmaß will, soll Mittelmaß bekommen.

Leider ist der HSV trotz eines sehr machtorientierten Bernd Hoffmann in der letzten Dekade, neben teils sehr guten Jahren, regelmäßig nur knapp oberhalb der Mittelmäßigkeit angesiedelt.

Titel gab es keine.

Aber liegt das tatsächlich an Bernd Hoffmann? Viele glauben das. Aber es ist der pure Humbug.

Ein Verein in der Größenordnung des HSV funktioniert nur dann gut bzw. sehr gut, wenn alle beteiligten Verantwortungsträger tatsächlich auf gehobener Augenhöhe agieren. Und dazu bedarf es auf allen Ebenen Alphatierchen.

Die Führung von Bayern München bestand bis letztes Jahr ausschließlich aus Leuten, die wissen was sie können, die von sich und ihren Fähigkeiten hochgradig überzeugt sind und alles dafür tun, um sich und ihre Ideen durchzusetzen.

Franz Beckenbauer, Uli Hoeneß, Karl-Heinz Rummenigge, Otmar Hitzfeld oder nun Louis van Gaal.

Und die Kapitäne dazu auf dem Platz waren Platzhirsche – keine Enten.

Der begrenzende Faktor für die Durchsetzung von Ideen und Maßnahmen jedes einzelnen war und ist stets das Alphatierchen nebenan.

In so einem Club werden Mitspielern, die Söldnermentalität an den Tag legen und dadurch die Ziele des einzelnen und der Gemeinschaft gefährden, im Training die Beine weggehobelt. In so einem Club werden Putzfrauen freundlich und jeder Spieler anständig und mit Würde behandelt.

Ein Benedikt Pliquett mit seinem Zorn auf den HSV entsteht in so einem Club gar nicht erst.

Ähnliche Verhältnisse auf anderem Level finden wir bei Werder Bremen. Oder bei Bayer Leverkusen. Wir fanden sie in den Neunzigern und auch heute wieder bei Borussia Dortmund.

Und in den Siebzigern und Achtzigern eben auch in Hamburg beim HSV.

Klein, Benthien, Netzer, Zebec oder Happel. Mit Führungsspielern wie Magath und Kaltz.

Für die Installation von Vorständen ist beim HSV der Aufsichtsrat verantwortlich. Nun, nach gefühlten 5 Jahren und der Misshandlung von Bastian Reinhardt, haben wir endlich einen Sportdirektor gefunden, der den Anschein macht, als könne er ein Gegengewicht zu Bernd Hoffmann darstellen.

Seine Fähigkeiten und Erfolge der Vergangenheit sind zweitrangig. Erstrangig ist die Hoffnung, dass Frank Arnesen ein Alphatierchen ist – einer, der seine Richtung kennt und diese gegen alle Widerstände einschlägt. Auch gegen einen Vorstandsvorsitzenden, den Aufsichtsrat, den Trainer und den Mannschaftskapitän.

Dazu benötigt er einen Trainer, der ihm Paroli bieten kann. Der auch eigene Vorstellungen hat, der genau weiß, was er will – welche Spieler, welche Taktik, welche Spielphilosophie.
Ein Trainer, der sich gegen Widerstände traut, mutige Entscheidungen zu treffen ohne gleich Angst zu haben, seines Postens enthoben zu werden.

Ob Armin Veh dieser Trainer ist, kann nicht beurteilt werden. Armin Veh hat bis jetzt bei einem HSV gearbeitet, der ihm einen von innen heraus geschwächten Sportdirektor an die Seite gestellt hat.

Ein Indiz dafür allerdings, dass Armin Veh der richtige Mann ist, ist die Tatsache, dass er alles andere als an seinem Stuhl klebt. Das beweist Unabhängigkeit – und die ist zwingend notwendig für starke Leistungen und mutige Entscheidungen.

Aber wie soll ein Mann in Ruhe arbeiten, wenn sich ein Fußballclub ständig selbst demontiert? Wenn die Autorität des Vorstandsvorsitzenden und des Sportdirektors vom Aufsichtsrat in unerträglicher Weise untergraben wird?

Wenn niemand im Verein so recht weiß, welches Interesse eben dieser Aufsichtsrat gerade verfolgt.

So führt man kein Handwerksunternehmen, so führt man kein Industrieunternehmen und so führt man keinen Sportclub.

Höchstleistung, Identifikation und Teamgeist über den gesamten Verein sind auf diese Weise nicht herzustellen.

Und daran, dass diese Attribute unserem Club derzeit nicht zugeschrieben werden können, ist nicht der Trainer alleine verantwortlich. Diese positiven Eigenschaften entstehen nur in einem gesunden und ausbalancierten Umfeld.

So ein Club wird niemals Deutscher Meister. Das geht gar nicht!

Es wäre schon vor Jahren die Aufgabe des Aufsichtsrates gewesen, einen Sportdirektor zu finden, an dem sich Bernd Hoffmann ernsthaft abarbeiten kann.

Der wiederum einen Trainer findet, der mit ihm gemeinsam sportliche Entscheidungen gegenüber dem Aufsichtsrat und dem Vorstandsvorsitzenden durchsetzt und rechtfertigt.

Es ist und war niemals die ureigene Aufgabe von Bernd Hoffmann, sich einen durch natürliche Autorität auszeichnenden Begrenzungspfeiler seiner Arbeit zu suchen.

Diese Aufgabe haben andere nicht erfüllt!

Die Sportdirektorsuche ist nun beendet – übrigens auf Empfehlung von Herrn Hoffmann.

Und ich habe das erste Mal seit Jahren das Gefühl, nun könnte bei unserem HSV wirklich etwas gehen.

Wir werden sehen.


Werder Bremen – und der kleine Unterschied zum HSV

Am 17.02.2007, heute vor fast genau vier Jahren fuhr der HSV, seinerzeit mit 18 Punkten Tabellenletzter, zum damaligen Meisterschaftsaspiranten SV Werder Bremen.

Die Situation um den HSV war damals aus Sicht eines Hamburgers schier unerträglich.

Das Derby selbst war nicht schön.  Eher kampfbetont und von Seiten des SV Werder uninspiriert und pomadig vorgetragen. Aber die Spannung in uns war zum zerreißen. Eine Woche zuvor hatten wir Dortmund mit 3:0 besiegt. Hoffnung keimte auf in Hamburg. Wenn das gleiche jetzt auch in Bremen gelingen würde, wären die Aussichten gut, den letzten Tabellenplatz vorerst zu verlassen.

Ich roch bestimmt ein wenig nach Angstschweiß damals. Aber welcher HSV´er tat das nicht? Das Stadion in Bremen war voll. Der Gästeblock war laut. Und in der gesamten Arena sah man neben “Grün-Weiß”  überall “Blau-Weiß-Schwarz” – es waren gefühlt noch nie so viele Hamburger im Bremer Weserstadion.

Zur Halbzeit führt der HSV 0:1 durch einen Elfmeter von Van der Vaart. Jarolim war von Jensen gelegt worden.

Und als die Spieler nach der Pause wieder auf den Platz kommen, sehen sie eine riesige Anti-HSV Choreo.

Wer erinnert sich?

Im Werder Block wurde von den Fans eine überdimensionale HSV-Raute präsentiert, die in Sekundenschnelle durch die Hände der Fans zerbröselt wurde.

So sieht es auch aus, wenn Piranhas ihre Opfer in kürzester Zeit vertilgen. Das war hart damals. Das war ein guter Einfall, den Rivalen von der Elbe zusätzlich zur Abstiegsangst noch zu demütigen.

Hier das Video: http://alturl.com/br2ds

Darunter noch ein Spruchband: „Jetzt nehmen wir Euch auseinander“.

Jeder weiß, wie die Geschichte ausgegangen ist. Wir haben durch ein weiteres Tor von van der Vaart am Ende mit 0:2 gewonnen und sind am letzten Spieltag der Saison 2006/2007 noch in den UI-Cup eingezogen.

Werder war erfolgreicher als der HSV in den letzten Jahren.

Und zu allem Überfluss passierte die schlimmste Demütigung, die ein Fußballclub samt seiner Entourage erleiden kann in den berühmten 19 Tagen im April 2009.

Werder Bremen und die Papierkugel. Das ist nun alles schon lange her.

Und gestern? Gestern haben wir die grüne Pest von der Weser mit 4:0 nach Hause geschickt. Schade, dass Tim Wiese nicht im Tor stand. Dem hätte ich es am allermeisten gegönnt. Nach seiner peinlichen Show nach dem gewonnenen Elfmeterschießen im Halbfinale des DFB Pokal. “Scheiß HSV”. Wer erinnert sich nicht?

Und welcher HSV´er könnte den Kung-Fu Tritt von Porno-Tim gegen Ivica Olic am 07.05.2008  je vergessen – “Ich wollte den Ball spielen”.

Na gut – geschenkt. HSV 4 – Werder 0.

Am Abend dann allerdings wurde der Bus der Werder Mannschaft nach der Heimkehr am eigenen Stadion von Fans aufgehalten – in dieser Situation kommt das in der Bundesliga ja gerne mal vor. Fanproteste. Wenn da eine Kamera mit Mikro auf einzelne Protagonisten hält, ist das oftmals ein Fall für´s “Fremdschämen”.

Das Gespräch zwischen diesen Fans und den Verantwortlichen und Spielern des SVW soll laut BILD jedoch harmonisch und friedlich verlaufen sein.

Na immerhin! Respekt.

“Es ist absolut korrekt, wie die Fans sich Gehör verschafft haben. Man hat ihnen die große Sorge um die aktuelle Situation bei Werder deutlich angemerkt”, zeigte Klaus Allofs Verständnis.

Wenn ich Klaus Allofs gewesen wäre, dann hätte ich denen mal die Frage gestellt, wo die denn gewesen sind, als ihre Mannschaft in Hamburg unterging.

Wo waren diese Fans? Im Stadion jedenfalls nicht. Der Gästeblock und die angrenzenden Bereiche waren nur zur Hälfte gefüllt.

Im Radio hörte ich irgendwas von 3000 mitgereisten Fans. Nicht mal die Hälfte des Üblichen.

Was kann einem als Verein schlimmeres passieren als in Abstieg zu machen und nicht mal von den eigenen Fans gekauft zu werden?

Die Werder Anhänger haben gestern gekniffen. Die hatten nicht nur Angst davor sich in Hamburg eine schmerzhafte Niederlage einzufangen sondern obendrein auch noch Panik vor den Schmähungen aus dem Hamburger Publikum.

Also sind sie gar nicht erst gekommen.

Statt also nach Hamburg zu fahren um ihr Team in einer existenziellen Krise zu unterstützen kommen sie auf die glorreiche Idee, den Bus der eigenen Mannschaft anzuhalten um die Spieler in ein Gespräch zu verwickeln.

Das ist ganz erbärmlich – ich dachte, Ihr könnt mehr.

Werder, wenn Ihr absteigt, dann habt ihr es auch verdient! Solche Fans wie Eure dürfen gerne auch mal in Liga 2 mitmischen.



Die Grusel-Galerie ist erweitert – HSV vs. St. Pauli

St. Pauli hat gewonnen. Mit Glück – womit auch sonst.

Aber wenn in 33 Jahren wieder ein Derby in der Arena am Volkspark stattfindet, wird niemand mehr danach fragen, wie es zu diesem 1:0 Sieg gegen den HSV gekommen ist – oder besser: kommen konnte.

Gerald Asamoah wird im Stadion sein. Blondie grau melliert. Er wird Fragen beantworten müssen. Insbesondere die Frage, ob er denn damit gerechnet habe, dass der Ball auf seinen Kopf kommt, den er nur noch einnicken mußte. Oder ob er es vielleicht eher für wahrscheinlich gehalten hat, dass sich Kommissar Boll beim technisch anspruchsvollen Versuch, die Ecke in den Fünfmeterraum zu verlängern die Bänder reißt.

Und in welche Ecke des Tores Ze Roberto geflogen wäre, hätte er eine zehntel Sekunde früher geschaltet um sich Gerald Asamoah mit seiner enormen Schwungmasse wirklich in den Weg zu stellen.

Die Fans des FC St. Pauli werden Gerald Asamoah in 33 Jahren feiern. Auch, wenn sie „damals“ noch gar nicht geboren waren.

Was sich gestern im Volkspark abgespielt hat, war Fußball wie er sein soll. Ein Drama. Häßlich für uns – schön für die anderen.

Was der HSV getan hat, war gut. Druck, Kampf, Präzision – zunächst war nichts zu spüren von den tonnenschweren Erwartungen auf den Schultern unserer Spieler. An die Wand haben wir sie gespielt.

Aber was soll man machen, wenn ein Welttorjäger es aus 7 Metern nicht schafft, die exakt geschlagene Flanke von Aogo einfach nur unten rechts oder unten links oder sonstwo aufs Tor zu köpfen – nur nicht genau in die Mitte. Herr van Nistelrooy! Die Nerven?

Oder wenn der Jungprofi Änis Ben-Hatira nicht in der Lage ist, einen Ball einfach nur ins Tor zu schießen sondern versucht, diesen ohne Not aus 14 Metern oben rechts in den Winkel zu schlenzen.

Ze Roberto. Dieser erfahrene Profi. Wie viele Schlachten hat der in der Champions League schon geschlagen? Den verläßt die Courage, als der Keeper von St. Pauli mit seinen 1,99 Metern auf ihn zustürzt – Außennetz. Unfaßbar.

Apropos dieser Keeper von St. Pauli. Piquett. Mal abgesehen von seinen Unsportlichkeiten nach dem Spiel gegenüber Petric und dem gesamten HSV war das eine sensationelle Partie. Das Spiel seines Lebens. Das Spiel, von dem jeder kleine Junge irgendwann einmal träumt. Du kommst rein und zeigst es allen – wirklich allen, dass sie sich in Dir getäuscht haben. Dass Du eine No. 1 bist. Ein Gewinner.

Joris Mathijsen wird dies in 33 Jahren auch noch nicht vergessen haben. Geht sein Ball ins Tor, wird er nach seiner Karriere ein wahrscheinlich uneingeschränkt geschätzter HSV´er sein, an den man sich gerne erinnert. Und nun? Ein Derby-Trottel. Ein Makel in der Karriere. Weil die eigentliche No. 2 des FC St. Pauli irgendwie seinen Fuß noch nach oben bekommt.

Sowas geht nur mit einer besonderen Spannung im Körper. So einen Ball hältst Du als Torwart im Training nie! Von 100 dieser Bälle gehen im Training alle und bei einem Spiel der Zwoten 99 rein.

Unfaßbar. Verloren. Für immer in der von Armin Veh so getauften „Grusel-Galerie“. Wer war noch mal im Team, als Ihr gegen St. Pauli verloren habt? Wer war der Trainer? In welchem Stadion haben die Pauli Fans ihren Sieg gefeiert, so daß jeder HSV`er hätte „kotzen können“?

So sagte es Bastian Reinhardt nach dem Spiel in die Mikrofone des Sky-Reporters. Das habe ich ihm abgenommen. Der Schmerz über diese Niederlage stand diesem Mann ins Gesicht geschrieben. Ein HSV`er eben. Einer, der mit diesem Verein verwachsen ist. Der bei unserem Verein seine beste Zeit hatte.

Und den wollen wir abschießen? So einer wird von unserem Club in einer Provinzaufführung vorgeführt und demontiert? Den wollten wir austauschen?

Obendrein haben wir einen Kapitän, der wohl das 5-fache des Einkommens von Bastian Reinhardt erhält, der nach dem Spiel ein Interview gibt, von dem ich mich auch am nächsten Morgen noch nicht erholt habe.

„Ja, ein Sieg wäre ja auch für die Fans schön gewesen“. Wie bitte?

Weiß der eigentlich, wo der spielt? Wir sind hier nicht in der amerikanischen Major Soccer League. Das war Bundesliga. HSV gegen St. Pauli. Das war nicht einfach nur Fußball. Das war richtig wichtig. Hier ging es darum, wie sich jeder einzelne Anhänger in den kommenden Wochen positioniert.

Hier ging es darum, wie man sich bei Omas nächstem Geburtstag fühlen wird, wenn man der Pauli Arschgeige, mit der man unglücklicherweise verwandt ist, gegenübersitzt und förmlich auf das dämliche Grinsen wartet, dass irgendwann genüßlich ausgepackt wird.

„Na, haste Spiel gesehen?“

„Ja, Gratulation auch. Schöne Verlängerung von Boll nach der Ecke. Und der Asamoah steht eben immer goldrichtig.“

So einen geistigen Müll wird man absondern müssen, um nicht vollends das Gesicht zu verlieren. Und die Pauli Arschgeige wird wissen, dass man sich auf die Zunge beißt um nicht das einzig Richtige in dieser Situation zu sagen, nämlich dass, was einem wirklich auf dem Herzen liegt:

„Ihr Penner mit Eurem dämlichen Kultclub, mit Euren langzeitstudierenden Modefans aus der schwäbischen Provinz, diesen Hirnis, die noch nie unfallfrei einen Ball irgendwohin geschossen haben, geschweige denn sich überhaupt für Fußball interessiert haben – laßt mich in Ruhe mit Eurer Häme und geht mir nicht auf den Sack!“

Und unser Kapitän, unser Anführer auf dem Platz, schwafelt irgendwas von „wäre ja auch für die Fans schön gewesen“.

Der kann Zweikampf, der kann Kopfball. Und das kann der überall. Das könnte der auch beim FC St. Pauli. Und das man das merkt, schmerzt fast genauso wie die Niederlage gegen die Puffkicker vom Hochbunker.

Die Quoten für einen HSV-Sieg waren wettanbieterübergreifend bei 1,60 Euro und für Pauli bei 4,50 Euro. Es gibt immer eine Wahrscheinlichkeit, ein Spiel zu verlieren. Auch gegen St. Pauli.

Aber wir als HSV`er hatten nicht den Hauch einer Chance, den Platz nach einer Niederlage erhobenen Hauptes zu verlassen. Diese Bürde hatten unsere Spieler auf den Schultern. Und sie haben es gut verkraftet. 60 Minuten lang. Sie hätten den Sieg verdient gehabt – und sie haben verloren.

Es gibt Niederlagen, die darf man nicht erleiden.

Gestern war so eine.


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